Tellspiele im laufe der Zeit

Alles begann im Jahr 1912

Auf der grossen, ungedeckten Zuschauertribüne fanden rund 1500 Gäste einen Platz zum Sitzen. Neben diesen mehr oder weniger bequemen Sitzgelegenheiten standen in den hintersten Rängen noch rund 500 weitere Plätze bereit. Hier durfte man dem mehr als vier Stunden dauernden Theaterspektakel ­– gespielt wurde am Nachmittag – stehend beiwohnen. Die Preise variierten von 15 Franken bis hinunter zu einem Franken für die Stehplätze. An den meisten Sonntagen waren die Tellspiele gut besucht. Schon im ersten Jahr wurde zusätzlich eine Schülervorstellung eingeschoben und, auf Wunsch aus Geschäfts- und Hotelkreisen, kamen mehrere Vorstellungen an Wochentagen ausserplanmässig dazu. Die gesamten Einnahmen erreichten mit 65'000 Franken die im Budget vorgesehene Summe. Hätte das Wetter besser mitgespielt, wären statt einem Defizit von 25'000 Franken, vielleicht sogar ein paar Franken übrig geblieben, eine Starthilfe für das zweite Tellspieljahr.





So hat damals alles begonnen. Über hundert Jahre schreibt das Tell-Freilichtspiel nun schon Geschichte. Was mit einer spontanen Idee eines jungen Lehrers in Matten begann, entwickelte sich zu einer Erfolgsgeschichte, wie sie wohl kaum ein zweites Mal in der Theaterwelt möglich wäre. Das herrliche Frühlingswetter mag mitgespielt haben, dass August Flückiger – der muffigen Schulstube überdrüssig – seine Sechstklässler, samt Schillers Wilhelm Tell im Schultornister, in den Rugen schleuste, um sie hier in freier Natur Wilhelm Tell hautnah erleben zu lassen. Die Idee, das Resultat, waren so einfach und gut, dass sich Theaterfreunde aus Interlaken für ein Freilichttheater begeistern liessen.



Die erste Aufführung ging am 19. Mai 1912 im Rugen über die weite Landschaftsbühne. Mit der Idee, Schillers Wilhelm Tell in Interlaken als Freilichttheater zu inszenieren, hat Flückiger sozusagen in ein Wespennest gestochen. Die einen waren hell begeistert, sahen Interlaken schon als Wallfahrtsort deutscher Liebhaber der Dramatik, mit der Ausstrahlung eines Welttheaters. Nach der ersten Begeisterung meldeten sich auch die Zauderer zu Wort. Reicht die Kraft der kleinen Dramatischen Gesellschaft aus, sich an ein solch grosses Vorhaben heranzuwagen? Wie könnte auf die Dauer ein solches Unternehmen finanziert werden? War die Wahl des Stücks für Interlaken überhaupt passend, müsste nicht eher ein Werk in englischer Sprache aufgeführt werden, wenn man die Herkunft der Gäste miteinbezog? Dabei schielte man mit einem Auge nach Altdorf, dort in Tells Heimat waren die Aufführungen des Schauspiels von Schiller zur Tradition geworden und von Erfolg gekrönt. Trotz aller Unkenrufe, August Flückiger spürte, dass der Gedanke seine Freunde nicht mehr losliess.