Gedanken zum Tellspiel-Ensemble

Ein ganz besonderes Völklein

Kürzlich bezeichnete mich ein Journalist als «Ueli der Unerbittliche», weil er mir bei der Probenarbeit zugeschaut hatte und mich sehr streng, fordernd und beharrlich fand. Mit unerbittlich meinte der besagte Journalist auch, als er hörte, dass ich ein Verfechter der Alles-oder-Nichts-Methode bin. «Alles»: Wenn sich eine Schauspielerin, ein Schauspieler für  ein Theater engagiert, sich entschliesst, eine Rolle zu spielen, dann soll das Theater allererste Priorität in ihrem Freizeitverhalten haben, dann soll nur Unfall, Krankheit, ein grosses familiäres oder berufliches Problem von den Proben- und Vorstellungsbesuchen abhalten. Damit heisst es halt auch, auf Ferien im Vor- und Hochsommer zu verzichten, andere Aktivitäten in den Abendstunden hinten anzustellen. «Nichts»: Wer das nicht zu leisten gewillt ist, der schlägt sich das Freilicht-Theater-Spielen aus dem Kopf und fährt ans Meer. Soweit meine Theorie und meine Haltung als Regisseur in vielen bisherigen Inszenierungen.

Und jetzt die Praxis:  Bei den Tellspielen Interlaken lernte ich in der letzten wie in der laufenden Spielsaison auch eine andere Möglichkeit eines engagierten Theatermachens kennen. Hier steht für recht viele das Mitmachen bei den Tellspielen nicht vor allem anderen, hier steht es mit allem anderen. Obwohl man mit Stolz sagt, ich bin Tellspieler, ist man halt auch Mitglied im Ruderklub, im Turnverein, in einem gemischten Chor, im Eishockeyklub, in der Jugendmusik, im anderen Theaterverein. Das Tellspiel ist ein Element des gesellschaftlichen Lebens auf dem Bödeli und für Verschiedene nicht das alleinige. Und wenn man Jahr für Jahr, Sommer für Sommer an den Tellspielen mitmacht, will man auf Ferien, insbesondere mit der Familie, während der Schulferien nicht verzichten.   

Die Tellspiel-Familie

Die Tellspiele sind auch sehr speziell, weil sie eine nicht zu unterschätzende soziale Funktion ausüben. Hier erhalten Menschen verschiedenster Behinderungen auch die Möglichkeit, das grossartige Erlebnis Freilichtspiel mit 170 Leuten auf der Bühne zu geniessen. Und es sind wertvolle und wunderbare Momente, wenn der unerbittliche Regisseur das Leuchten in den Augen des Mädchens sieht, wie es seine wenigen möglichen Auftritte geniesst, an ein Wägeli (anstelle eines Rollstuhls) gebunden. Oder da ist zum Beispiel der Mann mit einem Downsyndrom, der keine Probe und keine Aufführung verfehlt und mit Inbrunst das Freiheitslied singt und dabei kaum einen Ton richtig trifft. Sein Einsatz im Spiel ist grossartig und kann manchem Mitspielenden ein Vorbild sein, wenn der Regisseur «Theater leben» verlangt. Oder da sind auch unsere eritreischen Asylbewerber, die wir auch in diesem Jahr in unser Spiel integriert haben. Sie bedankten sich an unserer letztjährigen Derniere mit einem bewegenden Statement, weil wir ihnen die Möglichkeit geben, ein Teil unserer Gesellschaft, unserer Theaterfamilie zu sein. 

Solche Menschen, wie die drei Beispiele zeigen, gehören zu den Tellspielen Interlaken, genauso wie die begabte Schauspielerin, der glänzend aufspielende Schauspieler oder die brillante Reiterin. Tell Freilichtspiele Interlaken als Gesellschaftsprojekt mit hohem sozialem Engagement! Und
genau darum wollen wir nicht nur das grösste Freilichttheater der Schweiz sein, wir wollen auch eines der besten werden. Ueli Bichsel, Autor und Regisseur von «Tell – ein Stück Schweiz»